|

|
|
BR 101: Unterwegs auf der "Höllenpiste" |
Die BR 101 zieht
schnurgerade wie auf einem Schnittmusterbogen durch die Savanne: Bergrücken, die erst nach Stunden hinter der Erdkrümmung abtauchen, Ebenen, die nur der
Himmel begrenzt. Ein Reiter, ein Kind, eine Hütte, ein Baum – man erkennt sie schon Kilometer voraus am Straßenrand. Dann wischen sie in wenigen
Sekunden vorbei und verschwinden als kleiner werdende Punkte im Rückspiegel, aufgesaugt in der Weite des sonnenversengten Raums.
Manchmal wechselt die Piste in weiten Schwüngen von der Hochebene in sanfte Senken, wiegt sich über Bodenwellen und kreuzt Wasserläufe, die Namen tragen
wie "träumender Bach" oder "Schlangenfluss". Manchmal streicht die BR 101 gefährlich an die Dünen der Atlantikküste, dann wieder scheint die Strasse
geradewegs in den
Himmel zu klettern.
Es ist, als ob der klebrige Asphalt das Fahrzeug in eine Zeitlupenbewegung zwingt. Nur wenn es abstoppt, um bei einer Tankstelle anzulegen, beschleunigt
sich der Film, rütteln die Schlaglöcher das Auto, packt die Schwerkraft zu. Aus einer Staubwolke schält sich eine stoppelbärtige Gestalt, die sich
wortlos am Wagen zu schaffen macht. Von der Lehmhütte im Hintergrund weht Radiomusik. Im Schatten der Tür döst ein Köter.
BR 101: Wo sie beginnt, und wo sie endet, ist nicht sicher auszumachen. An der Praia de Cajueiro oder beim Fischerdorf Tourinhos geht sie wohl an Land,
steigt aus dem Meer, just an der Stelle, wo es von Afrika her nur ein Katzensprung ist. Und wo sie endet im tiefen Süden, auf einer Nehrung zwischen dem
Binnenmeer, das sich "Entenlagune" nennt und dem tosenden Südatlantik, da steht im Autoatlas geschrieben: "Der Abschnitt der Erdstrasse BR 101 zwischen
Bojuru und Tavaras ist schwer passierbar und trägt den Namen "Höllenpiste".
Zwischen dem sandigen Anfang und dem schlammigen Ende liegen fast 5.000 Kilometer. 5.000 Kilometer, 300 Brücken und 26 Längengrade. Niemals traut sich
die BR 101 tiefer als 100 Kilometer ins Hinterland hinein. Sie verbindet ein Dutzend verschlafener Provinzhauptstädte miteinander, die Sklavenmärkte der
einstigen "Capitanias" von Portugals Krone.
Die BR 101 erhielt ihre Nummer vor einem halben Jahrhundert als es kaum mehr als 100 Kilometer Asphalt in Brasilien gab und die Verkehrsplaner von einer
großen Longitudinale träumten, die einmal so gut wie alle Bundesstaaten miteinander verbinden würde.
Eine Transamericana, eine Transamazonica oder eine mythische Route 66 ist aus der BR 101 aber nicht geworden. Als würde man sich ihrer schämen, hat man
im arroganten Sao Paulo etwa die Nummernschilder der BR 101 gegen eigene ausgewechselt. Doch die BR 101 ist hartnäckig, sie taucht immer dann wieder
auf, wenn man sie längst verloren glaubte. Sie ist so zäh wie die Hoffnung, derer, die sie befahren. Oder die an ihrem Rande im Staube hocken.
Einst waren sie über die BR 101 in den "goldenen Süden" gezogen. Auf den "Papageienschaukeln", den Pritschen der klapprigen Lastwagen, waren sie mit
Sack und Pack aus dem Armenhaus Brasiliens geflohen und hatten das Heer der Arbeitssklaven in Rio de Janeiro, Sao Paulo, Curitiba und Porto Alegre
verstärkt. Der Nordosten ist immer nur reich an Kindern.
Salvador da Bahia: Dieselschwaden und Fäulnis, die aus den Abwasserkanälen steigt, der Staub vom Straßenrand und der Gestank von den Abdeckereien, den
Müllhalden und Zuckerfabriken; himmelhochjauchzende Plakatwände, die schäbige Mietskasernen verdecken. Je weiter die Stadt zurückbleibt, desto tiefer
ducken sich die Häuser an die Erde, bis sie sich kaum noch von den Termitenhügeln in der verbrannten Steppe unterscheiden.
Schnurgerade zieht das Band der Strasse durch weite Urstromtäler und über die sandige Ebene, aus der düstere Tafelberge aufsteigen und sich
Gebirgsrücken erheben, deren Rillen und Rippen an Skelette gemahnen. Die Sonne hat die Erde gebleicht wie ein Leichentuch.
Der Sertão ist das Land der Viehtreiber und Tagelöhner. In den Talsenken, wo sich während der Regenzeit das Wasser sammelt, ringen die Menschen dem
kargen Boden das bisschen ab, was sie zum Leben brauchen: Mais, Maniok und Bohnen. So oft bleibt der Regen aus! Die Dürre kommt und geht, die Sertanejos
krallen sich auf der Erde fest wie die Krüppelbäume und Dornensträucher.
Einstmals hatten in dieser Steppe die Stimme der Botokuden und Massacar nach Gürteltieren und Eidechsen gejagt. Später drangen Goldsucher und
entflohene Sklaven in das Hinterland vor, dann folgten die Herden der genügsamen Buckelrinder, und die Viehbarone beanspruchten das beste Land als ihren
Besitz. Aber wer kümmerte sich schon um diesen verlorenen Landstrich am Ende der Welt? Der Sertão hatte seine eigenen Gesetze, die Gesetze von Treu und
Glauben, Ehre und Mut, auf Leben und Tod. Je ärmer die Erde, desto reicher der Himmel.
Seit die Krone ihnen als Lehen grenzenlos Land zugestanden hatte, herrschen wenige hundert Sippen über das Volk und das Vieh nach alter Väter Sitte. In
Pernambuco, Sergipe und Alagoas, in der "Zona da Mata", stammen noch heute so gut wie alle Honoratioren aus den Herrenhäusern der Zuckerplantagen und
-fabriken; im Sertão und Agreste, geben die Viehbarone den Ton an. Der "Patron", der "Herr Doktor" und der "Herr Oberst" gehören zu den unangefochtenen
Autoritäten im Hinterland. Aus diesem Kreis kommen die Politiker. Ihre barfüssigen Untertanen haben kaum das Geld, um eine Urkunde oder ein Rezept zu
bezahlen. Statt mit Geld wird die Schuld oft durch Gefälligkeit abgetragen. Der Herr Doktor gibt den guten Rat, nicht nur die bittere Medizin zu
schlucken, sondern auch bei der nächsten Wahl, das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen.
Die Dürre!, die Armut!, der Hunger! Viele Milliarden werden jedes Jahr für die notleidende Region abgezweigt - und immer fließt das Geld in dieselben,
die falschen Taschen.
Im Radio spielen sie die Schnulze von den stolzen Viehhirten und Sertanejos, die zwar arm sind, aber eine gute Seele haben:
"Vaqueiro bin ich und Violeiro /
bin ein freier Mann /
Mein Pferdchen und meine Gitarre
/dazu noch mein Messer /
sind mein ganzer Stolz /
Wir fressen Staub im Sertão /
aber wir sind frei /
sind nicht wie die in São Paulo /
wo man seinen eigenen Dreck frisst /
und Sklave ist in der Fabrik /
wo man stöhnt an Maschinen /
ohne Seele und Menschlichkeit /
wo die Herzen kalt sind wie Regen."
Die Wolken schleppen flammend rote Bäuche, die Nacht bricht an. Vor den Hütten hocken die Alten, Kinder spielen im Staub, Sattelschlepper,
Viehtransporter, Trucks mit Bergen von Holzkohle donnern vorüber und verschwinden als winzige rote Lichter auf der Höhe der Bergkette, die sich gegen
das Abendrot abzeichnet. Unter den kahlen Ästen eines Kapok-Baumes ein niedriger Bau in verblichenem Blau. Am Eingang glimmt eine Glühbirne, von
Nachtfaltern umtaumelt. Drinnen riecht es nach Scheuermitteln und Gegorenem. Hinter der Theke stapelt ein Schwarzer die Bierkästen um. An der Wand
hängen Kalender einer Reifen-Firma und eine Pappe, auf die der Preis für Bier, Schnaps und Cola gekritzelt ist. Darunter steckt ein Schlüsselbrett mit
zehn Haken. Vom Schankraum führt ein Korridor an zehn schiefen Türen vorbei zum zum Abort.
Verschlafen und ungekämmt kommen die Frauen aus ihren Verschlägen gekrochen. Sie beginnen gemächlich, sich für Kundschaft feinzumachen. Die Ritter der
Landstrasse, die sich wortlos auf ein Bier niederlassen, tuen so, als würde sie das nur am Rande interessieren.
"Die
erste Illusion im Leben - der Schnuller". "Pass auf Deine Kurven auf – ich bin nicht zu bremsen!" "Ich heirate Maria und lebe mit Mercedes". "Gott
heilt, und der Arzt schickt die Rechnung". "Wenn der Busen meiner Freundin eine Hupe wäre, könnte keiner schlafen": Machosprüche auf den Schmutzfängern
der Lastwagen, die am Pistenrand gestrandet sind.
Dona Macabea packt das Huhn mit der Linken an den Beinen und dreht ihm mit der Rechten den Hals um. Ein Schnitt in die Gurgel, der Gockel flattert noch
und ist schon tot. Sie bindet die Krallen zusammen, hängt das Federbündel an einen rostigen Nagel, schneidet den Kopf ab und wirft ihn einem Köter vor.
Dünn rinnt das Hühnerblut vom Pfosten hinunter zu den Töpfen und Pfannen auf dem Brettertisch. Wasser simmert in einem Kanister über dem Feuer, Dona
Macabea füttert den Lehmofen mit Lattenresten und Holzknüppeln, faucht ihre Tochter Vitoria an, sie soll nicht dumm herumstehen, sondern abwaschen,
nimmt den Vogel vom Nagel, taucht eine Schöpfkelle ins kochende Wasser und tauft das Huhn. Jetzt kann es gerupft werden. Mürrisch macht sich die dürre
Vitoria an den Abwasch von Blechnäpfen und verschmierten Schnapsgläsern. Macabea hat sich in die Ecke ihrer Garküche gehockt, das Huhn zwischen die Knie
geklemmt, und zupft und rupft, wirft die Federn büschelweise hinter sich und summt das Lied: "Wir müssen Abschied nehmen, mandu sarara, wie,s das
Vögelchen machte, mandu sarara, schlug mit den Flügeln, flog fort, mandu sarara, ließ ein Kind mit Kummer zurück.
Vitoria holt frisches Wasser von der Tankstelle auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Macabeia weidet das Hauhn aus, schneidet Zwiebeln, Petersilie
und Knoblauch, Pfefferschoten und Koriander, nimmt den Reistopf vom Feuer und jagt die Hunde aus der Baracke.
Der Duft von Hühnerbrühe und Holzbrand dringt über die Böschung und vermischt sich mit dem Dieselqualm der Strasse. Fernfahrer schauen auf einen Sprung
zwischen zwei Tankfüllungen bei Macabeia herein. "Mein Caldo macht aus Euch
wieder Männer!" lacht die schwarze Köchin. Schweigend schlürfen die ihr Süppchen.
Die Ritter der Landstrasse sind müde. Was gibt es viel zu erzählen. Gestern haben Banditen wieder einen Laster ausgeraubt. Sogar einen Bus mit Touristen
haben sie im Morgengrauen halbwegs zwischen Salvador und Itabuna überfallen. Sie nagen an den Hühnerknochen und kippen Cachaça und Kaffee hinterher. Zum
Wachhalten. Weiter. |